Umrisse von Paul Ricœurs Lebenswerk im Kontext radikaler Geschichtskritik nach 1945

  • Termin: Di., 06. Juli 2021, 19:00 Uhr
  • Leitung: Robin Wehe MA
  • Ort: Online-Vortrag

45 Minuten weiter denken mit Prof. Dr. Burkhard Liebsch

Von seinen Beiträgen zum Verhältnis von Geschichte und Wahrheit (1955) bis hin zu seinem Spätwerk Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (2000) hat Ricœur weite Wege hermeneutischer Auseinandersetzung mit geschichtlicher Existenz und deren Deutung zurückgelegt. Dabei sei ihm Hegels „Trennung von Trost und Versöhnung" unerträglich geworden, bekannte er. Worauf wollte er damit hinaus? Offenbar nicht auf eine Erneuerung eines tröstlichen Idealismus, der sich zutrauen müsste, alle Opfer, die die Geschichte bislang ‚gekostet' hat, als unumgängliche rechtfertigen zu können, auch wenn sie die Überlebenden ganz und gar trostlos zurücklassen müssen. Ricœur will nicht beschönigen, wie gewaltsam das vonstattengeht, was man summarisch ‚die Geschichte' nennt. Aber er wendet sich auch gegen diejenigen, die von ihrer Trauer, Verzweiflung und Wut offenbar nicht ablassen können oder wollen und sich womöglich Rachegelüsten hingeben. Dagegen bietet er nicht etwa wie jene „leidigen Tröster" eine bloße Rhetorik der Besänftigung auf, über die bereits Kant gespottet hatte. Stattdessen entfaltet er in seinem Spätwerk eine komplexe Theorie eines bewahrenden Vergessens, das mit einer fortbestehenden Verpflichtung auf eine Besserung der menschlichen Verhältnisse einhergeht.

Vortrag im Vorfeld der am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover stattfindenden Tagung „Systematik, Schlüsselbegriffe, Desiderate der Rekonstruktion von Ricœurs Werk".

Prof. Dr. Burkhard Liebsch lehrt Sozialphilosophie und Philosophie der Geschichte, Kulturphilosophie und Politische Theorie an der Universität Bochum. Zugleich leitet er u.a. das internationale Projekt Kraft der Hermeneutik (zu Ricœurs Werk) sowie das internationale Editionsprojekt Geschichtskritik nach 1945. Deren gegenwärtige Aktualität und ihr Interesse für unsere ›Nachkommen‹.