Sebastian Tränkle M.A.

Fellow von Oktober 2017 bis Juli 2018

Mein philosophisches Interesse gilt gegenwärtig der Sprache, vor allem Problemen der Rhetorik und der Ästhetik. Dabei beschäftigen mich Fragen der Darstellung in der Philosophie sowie ihr Verhältnis zu Dichtung und Literatur. Meine systematischen Anstrengungen gelten der Entwicklung eines Verfahrens von Ideologiekritik, das auf Sprach- und Metaphernkritik aufbaut. Im Sinne einer Kritischen Theorie der Gesellschaft bin ich davon überzeugt, dass alle philosophischen Probleme in ihrem Zusammenhang mit dem sozialen, historischen und natürlichen Lebensprozess der Menschen zu betrachten sind. Entsprechend suche ich in meinen philosophischen Arbeiten sozial- und kulturphilosophische, anthropologische und ethische Perspektiven miteinander zu verbinden.

Ich habe in Leipzig und Berkeley Philosophie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaften studiert. Im Jahr 2010 habe ich mein Studium mit einer Magisterarbeit über die Bildkritik Theodor W. Adornos abgeschlossen. In meiner Leipziger Zeit war ich zuerst als studentische, dann als wissenschaftliche Hilfskraft am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur tätig. Gegenwärtig schließe ich an der Freien Universität Berlin mein Dissertationsvorhaben über Philosophische Sprachkritik bei Theodor W. Adorno und Hans Blumenberg ab, das von 2012 bis 2015 von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Gastaufenthalte führten mich an die University of California in Berkeley und zweimal an die School of Visual Arts in New York, zuletzt mit einem Stipendium des DAAD. Ich unterrichte im dortigen Studiengang Critical Theory and the Arts sowie am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin. Darüberhinaus bin ich publizistisch tätig, schreibe Essays und halte Vorträge zu politischen, literarischen und ästhetischen Themen.

In meiner Zeit am fiph möchte ich einerseits mein Dissertationsvorhaben abschließen, andererseits mit der Arbeit an einem neuen Projekt beginnen: Es soll die metapherngeschichtlichen Hintergründe der sozialphilosophischen Rede von den »Pathologien des Sozialen« beleuchten und die Frage nach ihrer Angemessenheit diskutieren.

Projekt am fiph

Nichtidentität und Unbegrifflichkeit. Philosophische Sprachkritik nach Adorno und Blumenberg

»Die Sprache bringt es an den Tag.« Im Geiste dieses Satzes von Karl Kraus widmet sich mein Dissertationsvorhaben der Entwicklung eines systematischen Ansatzes philosophischer Sprachkritik. Dazu schließe ich an sprachphilosophische Überlegungen Theodor W. Adornos und Hans Blumenbergs an und eröffne, erstmalig, einen Dialog zwischen den beiden Philosophien. Der Dialog lässt überraschende Affinitäten hervortreten: So gewinnt das Sprachverständnis beider Konturen in der kritischen Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Begriffspraxis und der ideologischen Sprachpraxis ihrer Zeit. Beide Ansätze entdecken dabei das Problem der Rhetorik bzw. des »Unbegrifflichen« (Blumenberg) neu. Das führt sie, zum einen, zu einer Rehabilitierung des von der philosophischen Tradition geächteten rhetorischen Moments, das nun als unabdingbar für die sprachliche Darstellung sowie den Ausdruck des »Nichtidentischen« (Adorno) in der Philosophie gedeutet wird. Zum anderen rücken damit negative, d. h. ideologische Funktionen von Metaphern in den Fokus. So entwickelt Blumenberg mit der »Metaphorologie« ein Verfahren, das die ambivalente Orientierungsfunktion von Metaphern und Modellen aufdeckt: Sie stiften normative Leitbilder und Vorstellungen, an denen sich das Denken und Handeln oft unbewusst ausrichtet. Mein Vorhaben möchte Metaphorologie als ein ideologiekritisches Verfahren explizieren, das an der Sprache zu Tage treten lässt, was das Denken und Handeln motiviert. Während Blumenberg die praktischen Funktionen, die sprachliche Formen im menschlichen Weltverhältnis erfüllen, anthropologisch deutet, sucht das Vorhaben den Welt- und Praxisbezug der Sprache im Anschluss an Adorno gesellschaftstheoretisch zu konzipieren. Am Ende soll ein Verfahren verfügbar werden, das uns erlaubt, zwischen den ideologischen Funktionen und den Ausdrucks- bzw. Erkenntnispotentialen rhetorischer Sprachpraktiken zu unterscheiden.

 

Nach Abschluss meines Dissertationsvorhabens möchte ich das sprachkritische Verfahren an historischem Material ausführlich erproben. In meinem neuen Projekt widme ich mich dazu der Metaphorik der Pathologie, deren Gebrauch eine lange Geschichte in der politischen Philosophie aufweist und jüngst in der Sozialphilosophie wieder Konjunktur aufgenommen hat.