Dr. Elke Feustel

Fellow von Oktober 2005 bis Juli 2006

Elke Feustel, geb. 20.08.1971 in Bremen, ist Lehrerin an der Volksschule Lochham und Lehrbeauftragte an der Ludwig-Maximilians-Universität München am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Elke Feustel studierte die Fächer Germanistik, Mathematik, Sachunterricht, Englisch und Kunst für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen an den Universitäten Hannover und München. Außerdem Neuere Deutsche Literatur, Ältere Deutsche Literatur und Pädagogik an der Georg-August Universität Göttingen, wo sie 2003 mit der Arbeit Typologie und Funktionen der weiblichen Figuren in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm promovierte. Sie arbeitete am Forschungsinstitut für Philosophie an dem Forschungsthema: Die Motive Armut und Reichtum in der Kinder- und Jugendliteratur – ein Beitrag zur Werteerziehung.

1997-1999 Referendariat an den Schulen Eversbuschstraße, Grandlstraße München;

1997-2000 Tätigkeit für das Goethe-Institut Inter Nationes, München u.a. Leitung von Sprachkursen in DaF, fachliche Betreuung von Studenten

2001-2002 Lehrerin an der Grundschule Gräfelfing

seit 2003 Lehrerin an der Volksschule Lochham

seit SS 2004 Lehrbeauftragte an der Ludwig-Maximilians Universität München am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

Projekt am fiph

„Die Motive Armut und Reichtum in der Kinder- und Jugendliteratur – ein Beitrag zur Werteerziehung“

Das Problem der Armut von Kindern und Jugendlichen ist ein zentrales Thema der gesellschaftspolitischen Gegenwartsdiskussion. Die Datenlage ist alarmierend: Alle drei Sekunden stirbt gegenwärtig in den Entwicklungsländern ein Kleinkind unter fünf Jahren an einer armutsbedingten Krankheit und deren Folgen, rund ein Viertel aller Kinder unter fünf Jahren weltweit sind unterernährt, geschätzte 250 Millionen Kinder im Alter zwischen 5 und 14 Jahren mussten im Jahr 2000 durch Kinderarbeit zum Lebensunterhalt ihrer Familie beitragen.

Die Staats- und Regierungschefs der Vereinten Nationen haben diese soziale Herausforderung erkannt und auf dem Milleniumsgipfel im September 2000 das entwicklungspolitische Aktionsprogramm 2015 gestartet, das sich u.a. zum Ziel setzt, die Zahl der Menschen, die von Hunger und Armut betroffen sind, weltweit bis zum Jahre 2015 zu halbieren, die Kindersterblichkeit zu verringern, und eine universale Schulbildung für Kinder bis zum 14. Lebensjahr zu erreichen.

Der Begriff der „Armut“ wird in diesem Rahmen - wie im Armutsdiskurs so häufig - in erster Linie mit den Entwicklungsländern in Verbindung gebracht. Doch auch in den hochindustrialisierten Staaten ist das Phänomen der Armut im Kinder- und Jugendalter nach wie vor existent. Allein in Deutschland leben derzeit mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche von Sozialhilfe und wachsen in dem Bewusstsein auf, nicht über die finanziellen und räumlichen Resourcen verfügen zu können, die ihnen aus den Medien wie dem Gesellschaftsumfeld bekannt sind. Die zunehmenden Einschnitte in den sozialen Sicherungssystemen führen zudem zu einer kontinuierlichen Verschärfung der Situation. Besonders prekär ist, dass häufig ein Kreislauf von Kinderarmut durch Einkommensbenachteiligung sowie verminderte Bildungschancen entsteht.

In krassem Widerspruch zu diesen Zahlen steht, dass parallel dazu die Kaufkraft der Kinder und Jugendlichen in den Industriestaaten ansteigt. Die KidsVerbraucher Analyse 2003 taxierte sie hochgerechnet auf die Gesamtzahl der 11,28 Millionen Kinder und Jugendlichen in Deutschland auf € 20,43 Milliarden. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Gruppe der Minderjährigen ebenso wie den Sektor der Volljährigen eine tiefe soziale Spaltung durchzieht. Eine Minorität von Personen verfügt über die Majorität von Gütern. Angesichts der erschreckend hohen Zahl Minderjähriger in Deutschland die direkt von Armutserfahrungen betroffen sind sowie der Parallelgruppe der arrivierten Kinder und Jugendlichen, die über ein in der Historie bisher unbekanntes finanzielles Potential verfügen, drängt sich die Frage auf, wie die Kinder- und Jugendliteratur auf diese dualistische Situation reagiert. Schließlich kennzeichnet das literarische Genre anders als die Erwachsenenliteratur die Gleichzeitigkeit von pädagogischen und literarischen Aspekten. Stets vermittelt die Kinder- und Jugendliteratur mehr oder weniger intentional Werte, Normen und Anschauungen.

Vor diesem brisanten Hintergrund drängen sich mehrere zentrale Fragen auf, die im Rahmen des Forschungsvorhabens geklärt werden sollen: Greift die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur die gegenwärtige gesellschaftliche Problemlage der mangelnden Verteilungsgerechtigkeit auf? Entwirft sie das soziale Gewissen herausfordernde Szenarien? Welches Bild der gesellschaftlichen Solidarität entwirft sie? Spiegelt sie die diskrepanten Tendenzen wider und problematisiert sie verstärkt zentrale Themen wie Arbeitslosigkeit, materielle Not oder auch die Konsumhaltung? Bietet sie den Heranwachsenden Identifikationsflächen, Vorbilder und ethische Richtwerte oder ignoriert sie diese gesellschaftlichen Entwicklungen?