Robert Ziegelmann M.A.

Fellow von Oktober 2021
bis Juli 2022

Geboren und aufgewachsen bin ich in Berlin. In Heidelberg habe ich Philosophie studiert. Dank eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung hatte ich sowohl die Freiheit, mich ungestört in den Untiefen der Philosophiegeschichte zu verlieren, als auch Seitenblicke auf die soziohistorischen Kontexte philosophischer Probleme zu werfen. Die Affinität zur Kritischen Theorie führte mich über Frankfurt am Main zurück nach Berlin. Seit dem Wintersemester 2017-18 arbeite ich dort an einer von Rahel Jaeggi und Robin Celikates betreuten Dissertation. An den Universitäten Saint-Louis (Senegal), Tel Aviv, sowie zuletzt Paris–Nanterre war ich jeweils für ein Semester zu Gast.
2017 erhielt ich für meine Überlegungen zum philosophischen Umgang mit dem sogenannten Rechtspopulismus den Essaypreis des FIPH. Im Hinblick auf eine weitere gesellschaftliche Krise – diejenige des Klimas – habe ich kürzlich einen Schwerpunkt der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu Adornos geschichtsphilosophischem Naturbegriff herausgegeben und einen Artikel über »Naturalisierung als Kritik« geschrieben. Die Krise der Demokratie und die Krise der Ökologie werden oft gegeneinander ausgespielt. Meine Vermutung ist hingegen, dass sie sich nur gemeinsam philosophisch behandeln und politisch überwinden lassen. Das ist eine der Ideen, denen ich gemeinsam mit dem Team und den Fellows des FIPH nachgehen möchte.


Projekt am FIPH


Die Krisen der letzten Jahre haben zur Selbstverständlichkeit gemacht, was anfangs des neuen Jahrtausends noch abwegig klingen konnte: Eine andere Welt ist möglich, ja dringend nötig. Zunächst wurde das Andere in der Vergangenheit gesucht, aber mit den jüngsten sozialen Bewegungen hat sich das geändert. Die Kämpfe gegen Polizeigewalt, Frauenmorde und Klimakatastrophe, in denen die Philosophin Eva von Redecker Anfänge einer »Revolution für das Leben« sieht, weisen radikal in die Zukunft. Somit stellt sich die Frage nach der Utopie. Zwar steht das Ausmalen von Alternativen nicht im Vordergrund, wo es um die Abwehr des Äußersten geht. Dennoch erschöpft sich der Antrieb des Protests nicht in der Verhinderung des Schlimmsten. Das Überleben zielt nicht auf die Bewahrung einer bewährten Normalität, sondern auf etwas Neues.
In meinem Dissertationsprojekt »Bestimmende Negation – Radikale Neuheit als rationale Nachfolgeschaft in der Kritischen Theorie« greife ich die Frage auf, wie das Neue zu denken ist, um das es emanzipatorischer Theorie und Praxis geht. Die klassische Antwort kritischer Theorie im Anschluss an Hegel lautet: Nicht als Utopie, sondern als bestimmte Negation des Alten, als dessen rationale Nachfolgegestalt. Diese Idee möchte ich in Erinnerung rufen, erläutern und gegen verbreitete Einwände rehabilitieren. Dazu arbeite ich in einem philosophiegeschichtlichen Längsschnitt von Hegel über Marx zu Adorno heraus, inwiefern gerade aus dem Hegelianischen Ansatz ein utopisch-konstruktives Moment der Kritik folgt. Wenn das Neue bestimmte Negation sein soll, muss die Kritik bestimmende Negation sein. Kritische Theorie als bestimmende Negation beschreibt eine soziale Praktik als Vorläuferin einer historisch erst noch zu realisierenden. Dabei zielt sie darauf, das Beschriebene zu dem zu machen, als was es beschrieben wird. So verstanden ist gerade die als anti-utopisch bekannte Tradition Hegelianischer Kritischer Theorie geeignet, aktuelle utopische Impulse zu stärken.