Dr. Carlotta Voß

Fellow von September 2025 bis August 2027

Zur Person

Dr. Carlotta Voß hat an der Freien Universität Berlin Geschichte, Politikwissenschaft und Theologie studiert und 2021 nach Forschungsaufenthalten an der University of Oxford an der Ruhr-Universität Bochum mit einer Arbeit unter dem Titel „Ironie und Urteil. Ironische Historiographie und die Entdeckung des Politischen bei Thukydides“ promoviert. Nach der Promotion war sie auf Einladung von Prof. Rainer Forst Postdoc-Fellow am Justitia Center for Advanced Studies an der Goethe Universität Frankfurt.

Ihre Forschung kreist um das Verhältnis von politischen Handlungsmodellen und Konzeptionen gelingenden Lebens. Systematisch gesprochen gelten ihre Interessen der (republikanischen) Demokratietheorie, der Philosophischen Anthropologie, der Lebensphilosophie, der Politischen Theologie, der Tugendethik, und Begriffen des „Tragischen“ wie des „Ironischen“. Ihre ideengeschichtlichen Bezugspunkte liegen in der antiken Politischen Theorie (insb. Thukydides, Aristoteles, Augustinus) und in der Philosophie und Soziologie des frühen 20. Jahrhunderts (insb. Helmuth Plessner, Hannah Arendt, Karl Mannheim, Leo Strauss).

Carlotta Voß lebt und arbeitet als Politische Referentin und Publizistin in Berlin. Sie ist Redakteurin des Online-Magazins „Politik&Ökonomie“.

Das Projekt am FIPH

Postliberalismus und Politiken gelingenden Lebens.

Mit dem „Postliberalismus“ formiert sich eine weltanschauliche Herausforderung des politischen Liberalismus in der transatlantischen Welt, die zugleich als Treiber und Symptom einer Krise der liberalen Demokratie zu begreifen ist. Das Forschungsprojekt setzt an dieser doppelten Diagnose an und verfolgt zwei miteinander verschränkte Ziele.

Zum einen versuche ich, vermittels einer wissenssoziologischen und ideologiekritischen Analyse des Postliberalismus zu einem operationalen Begriff des „Postliberalismus“ als Ideologie zu gelangen (die nicht zuletzt von „Konservatismus“ abgegrenzt werden kann). Zu diesem Zweck frage ich: Was sind Räume und Methoden postliberaler Wissensproduktion? An welche ideengeschichtlichen Traditionslinien knüpft der Postliberalismus an und wie entwickelt er sie weiter? Welche geschichtstheoretischen, geschichtsphilosophischen und anthropologischen Grundannahmen sind ihm zentral?

 Zum anderen suche ich Antworten darauf, wie den Rechtfertigungsdefiziten und normativen Leerstellen und Selbstwidersprüchen des politischen Liberalismus in der Gegenwart begegnet werden kann, für die der Postliberalismus als Krisensymptom einerseits und in seiner Krisendiagnostik andererseits den Blick schärft. Der Postliberalismus erringt ideologische Dominanz insbesondere auf dem Feld der Geschichtsphilosophie (das er wieder geschichtstheologisch besetzt) und im Hinblick auf existenziell-ästhetische Angebote eines guten Lebens.

Im Rückgang auf personalistische Traditionen liberalen Denkens – die quer stehen zu den auf einander verwiesenen Traditionssträngen liberaler und kommunitaristischer Demokratietheorien – gilt es mir, liberale Demokratie als normative Lebensform zu bestimmen, aus der heraus sich Krisenerscheinungen der Gegenwart bewältigen lassen. Personalistische Denktraditionen entwickeln ein Verständnis der Person, das bei der leiblich erfahrenen, körperlich und relational vermittelten Lebenswirklichkeit des Menschen als sich seiner Sterblichkeit bewusstes Wesen ansetzt. Meinem Projekt steht die These voran, dass sie neue Perspektiven auf liberale Subjektivierung und Institutionen entwickeln helfen können – unter anderem, weil sie es ermöglichen, die ethische Fragestellung nach dem guten und sinnhaft erlebten Leben als politische Frage in den Blick zu nehmen, und (vermittels Krisen- und Fristbegriffen) das Verhältnis politisch-historischer Zeit und erlebter Zeit im personalen Horizont zu beleuchten.

Mein Projekt zielt auf eine „personalistische“ Anschärfung liberaler Demokratietheorie. Ich beziehe mich dabei in besonderer Weise auf Helmuth Plessner, Wilhelm Kamlah, Robert Spaemann, Paul Ricoeur und Cornel West, die ich unterschiedlichen Traditionen personalistischen Denkens zuordne. Den Sockel meines Projekts bildet die Auseinandersetzung mit der Philosophie Plessners. Seine Philosophische Anthropologie versteht sich als Reflexionspraxis gegenüber einer ausdifferenzierten Wissenschaftslandschaft und bezieht die Erkenntnisse empirischer Wissenschaften mit ein. Sie ermöglicht damit eine Sprachfähigkeit auch gegenüber naturalistischen Anthropologien, die (weiterhin und auch von postliberaler Seite) zur Begründung anti-liberaler Positionen dienen. Plessners in Verzahnung mit seiner Philosophischen Anthropologie entwickelten Sozialphilosophie wiederum ist ein agonaler Politikbegriff zentral, der es ermöglicht, die virulente Frage liberal-demokratischer „Wehrhaftigkeit“ umfassend zu beleuchten.