Paul Stephan M.A.

Fellow von Oktober 2018 bis Juli 2019

Paul Stephan studierte Philosophie, Soziologie und Germanistik an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und dem University College Dublin. Er schloss sein Studium 2015 mit einer Magisterarbeit zum Wahrheitsbegriff beim späten Nietzsche ab, die mittlerweile als Monographie erschienen ist. Neben seinem Studium gründete er 2014 die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie, die u. a. die jährlich erscheinende Zeitschrift Narthex. Heft für radikales Denken herausgibt. 2017 war der Stipendiat der Stiftung Weimar Klassik mit einem Forschungsprojekt zu Nietzsches Studenten und Freunden Heinrich Köselitz alias Peter Gast und Paul Heinrich Widemann. Er gewann 2017 den zweiten Preis beim Essaywettbewerb des FIPH mit einer nietzscheanischen Analyse von Donald Trumps Wahrheitsverständnis. Seit Ende 2017 ist er Doktorand an der Albert Ludwigs-Universität Freiburg, seine von Andreas Urs Sommer und Hartmut Rosa betreute Arbeit widmet sich dem Authentizitätsbegriff bei Kierkegaard, Stirner und Nietzsche. Seit Ende 2018 ist er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.

In den letzten Jahren hielt Paul Stephan zahlreiche Vorträge zu verschiedenen Aspekten von Nietzsches Philosophie und veröffentlichte dazu auch mehrere Texte. Forschungsschwerpunkte waren daneben Marx und Stirner. Er interessiert sich allgemein für die Geschichte der modernen Philosophie in ihrer kontinentalen Variante von Rousseau bis Derrida. Systematisch ist er an einer kritischen sozialphilosophischen Analyse der Gegenwart interessiert, insbesondere an der Konstitution von Subjektivität im neoliberalen Kapitalismus.

 

Website: blog.harp.tf

Projekt am fiph

Die Paradoxien der Authentizität. Eine genealogische Analyse anhand von Kierkegaard, Stirner und Nietzsche

Die Authentizität der Person ist neben ihrer Autonomie das Grundideal moderner Subjektivität. In den vergangenen Dekaden ist es in theoretischer wie in sozialer Hinsicht prekär geworden: In theoretischer Hinsicht wurde der Verdacht vorgebracht, es handele sich um eine bloße Ideologie der Authentizität; in sozialer Hinsicht zeichnet sich eine forcierte Tendenz der Desubjektivierung ab. Ausgehend von dieser Problemlage will die anvisierte Studie den Versuch unternehmen, das Ideal der authentischen Subjektivität in zeitgemäßer Form zu rekonstruieren. Die Studie geht dabei von den klassischen Texten Kierkegaards, Stirners und Nietzsches aus, in denen sich dieses Ideal in seiner dialektischen Spannung in paradigmatischer Weise artikuliert. Den systematischen Hintergrund bilden Überlegungen aus dem Umfeld der jüngeren kritischen Theorie (vgl. etwa Rosa und Jaeggi), denen zufolge Authentizität als Prozess der dynamischen narrativen Aneignung des eigenen Lebens zu betrachten ist.

Die Philosophien Kierkegaards, Stirners und Nietzsches kreisen jeweils um das Problem der Selbstwerdung als zentralem Reflexionsgegenstand. Das Problem ist hierbei stets, dass das Selbst einerseits als unabhängig von der Gesellschaft konzipiert werden soll, dass Intersubjektivität als reale Basis von Subjektivität in die theoretische Konstruktion andererseits stets implizit und explizit eingeschrieben bleibt. Kierkegaard versucht diesem Problem zu entgehen, indem er authentische Selbstheit als radikal individuelle Bezugnahme auf Gott konzipiert. Dies wirft allerdings die Frage auf, ob so der ‚Zirkel der Selbstheit‘ wirklich durchbrochen werden kann, oder ob ‚Gott‘ nicht eine Projektionsfigur des Ich bleibt. Stirner wiederum verzichtet auf jede Fundierung der Subjektivität in Intersubjektivität – sein Denken vollzieht dadurch allerdings eine bemerkenswerte Dialektik von einem radikalen Individualismus hin zu einer Lehre der Selbstauflösung. In Nietzsches Denken finden sich einige komplexe Reflexionen, in denen das authentische Selbst als dynamischer Selbstkonstitutionsprozess in stets als intersubjektiv konzipierten Kontexten gedacht wird – die Paradoxien der Authentizität bleiben so unaufgelöst, werden jedoch als produktive Spannungen in den Selbstwerdungsprozess selbst integriert und das Problem so zumindest einer ‚Zwischenlösung‘ zugeführt.