Anastassija Kostan M.A.

Fellow vom 1. Oktober 2020 bis 31. Juli 2021

Anastassija Kostan studierte Philosophie und Soziologie sowie Geschlechterstudien in Frankfurt am Main und Paris. Mit einer Arbeit zum Verhältnis von Körperlichkeit und Subjektivierung im Denken Judith Butlers und Luce Irigarays schloss sie 2016 ihr Studium ab. Gegenwärtig forscht sie als Doktorandin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt zur Epistemologie und Wissenschaftskritik der neuen feministischen Materialismen. Den Schwerpunkt ihrer Dissertation bilden die Verschränkungen von Materialität und Sprache in den Werken Elizabeth Grosz' und Vicki Kirbys.

Seit November 2015 ist Anastassija Kostan am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt tätig. Bis März 2021 arbeitet sie dort als wissenschaftliche Hilfskraft an der Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft. Zwischen Oktober 2016 und März 2017 war sie Mitglied des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Justus-Liebig-Universität Gießen. In der Zeit von April 2017 bis März 2020 war sie DFG-Promotionsstipendiatin am Gradu-iertenkolleg „Life Sciences-Life Writing" (GRK2015) an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2020 ist sie Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. Zu Beginn des Jahres 2021 tritt sie einen im Rahmen des Fulbright-Doktorand*innen Programms geförderten viermonatigen Forschungsaufenthalt am Center for Behavior, Evolution, and Culture (BEC) an der University of California in Los Angeles an.

Anastassija Kostan interessiert sich für verschiedene Formen und Aspekte der feministischen Epistemologie und Wissenschaftskritik. Sie sucht in der Auseinandersetzung mit den neuen feministischen Materialismen Theorien der sozialen Epistemologie – insbesondere Ansätze der epistemischen Gewalt und Ungerechtigkeit – mit der feministischen Wissenschafts- und Technikforschung (Feminist Science and Technology Studies) zusammenzuführen. Weitere Forschungsinteressen sind die feministische Philosophie und epistemische Grundlagen einer intersektionalen Wissenschaftsforschung, Frauen- und Geschlechterstudien sowie Theorien und Politiken der Affekte und Emotionen in der wissenschaftlichen Wissensproduktion.

Projekt am fiph

Die Sprache der Natur: Neue Materialistische Formen Feministischer Wissenschaftskritik

Das Projekt widmet sich der Herrschafts- und Wissenschaftskritik der neuen feministischen Materialismen. Von besonderem Interesse für die Dissertation sind die Arbeiten Vicki Kirbys und Elizabeth Grosz', da sie tradierte Vorstellungen von der Welt und des Wissens mittels unkonventioneller Auffassungen von Materialität und Sprache irritieren. Gemeinsamer Ausgangspunkt ihrer epistemischen Grundlagen und ontologischen Kategorien ist, dass Individuen und Sachverhalte nicht einfach gegeben sind, sondern von materiellen Gefügen prozessual hervorgebracht werden. So mobilisieren Kirby und Grosz Motive der materiellen Relationalität und der posthumanistischen Handlungsfähigkeit alternativ zu traditionellen Formen der Wissensproduktion. Nicht länger soll die Macht der Forschungspraxis naturalisiert und daraus hervorgehendes Wissen als etwas Absolutes gesetzt werden, um es dann nachträglich als neutrale und gegebene Welt zu entdecken.
Vielmehr stellt eine posthumanistisch performative Auffassung der epistemischen Macht von Sprache, wie sie Vicki Kirby vertritt, die menschliche Sonderstellung infrage. So bringt die ontologisch universelle Sprache einer durch und durch materiellen Welt Gegenstände mit spezifischen Grenzen und Eigenschaften hervor und geht dabei über den Menschen hinaus. Eine solche eigensinnige und sich in ständigem Wandel befindliche Materialität hat für Grosz auch unkörperliche Aspekte. Ihrem Denken zufolge ist die fortlaufende Bewegung der Zeit und Evolution sowie die Volatilität und Affektivität von Körpern grundlegend für ihre relationale Aktivität. Indem Kirby und Grosz aufzeigen, wie Welt und Wissen sowie die wissenschaftliche, politische und ethische Handlungsfähigkeit durch materielle Dynamiken und ihre je spezifischen Verschränkungen konstituiert werden, können sie auch Formen der epistemischen Gewalt und Ungerechtigkeit umfassend adressieren. Leitend sind dabei Fragen danach, welche Individuen und Sachverhalte aus den posthumanistisch performati-ven und materiellen Relationen hervorgebracht werden und welche nicht.